Was haben uns die Wiener Festwochen gelehrt? Viel Thiel, wenige Highlights
Das diskursive Muskelspiel um Peter Thiel hat dem Festival enorme Aufmerksamkeit verschafft – künstlerisch tritt es aber auf der Stelle
Das diskursive Muskelspiel um Peter Thiel hat dem Festival enorme Aufmerksamkeit verschafft – künstlerisch tritt es aber auf der Stelle
Thiel oder nicht Thiel – das war bei den am Sonntag zu Ende gehenden Wiener Festwochen die entscheidende Frage. Sie hat über fünf Wochen das künstlerische Programm weitgehend in den Schatten gestellt. Die Diskussion hat dem Programm aber zugleich enorme Aufmerksamkeit zugespielt. Die Neigung zur Unerschrockenheit ist das Talent des Festivalleiters, der Dinge anpackt, vor denen andere zurückschrecken, Grenzen ausfindig macht und sie gegebenenfalls überschreitet, Tabus bricht und unbedingt etwas gesellschaftspolitisch "Relevantes" schaffen will – vom Kongo-Tribunal (2015) bis zum Glaubenstribunal der diesjährigen Ausgabe. Und zwar auf Teufel komm raus! Denn mit Thiel hätte man ja den Antichristen ausfindig machen wollen.
Das angekündigte Gespräch, bei dem Thiel mit dem Theologen Wolfgang Palaver und Rau selbst die Bühne betreten hätte, wurde trotz einer positiv ausgegangenen öffentlichen Abstimmung abgesagt. Auf Druck vieler Kunstschaffender, die den Festwochen verbunden sind, so hieß es. Da mussten die sonst so superdemokratisch auftretenden Festwochen in puncto Volkssouveränität ordentlich Federn lassen. Im aktuellen Cancel-Fieber (Michel Friedmann in Bayreuth, Nadav Lapid in Locarno etc.) nimmt sich Thiel noch als logisch aus, geht der US-amerikanische Techmilliardär doch mit einer religiös verbrämten Herrenmenschen-Ideologie hausieren. Die Frage war also, leistet man sich einen raren öffentlichen Gesprächsauftritt dieses Mannes um den Preis, ihm am Ende applaudieren zu müssen?
Wäre Thiel tatsächlich gekommen, und wenn auch nur zu seinen vertraglich festgesetzten Bedingungen (also nur mit Palaver und gewiss nicht mit einer Frau als Gegenüber, was reizvoll gewesen wäre), dann wären die Festwochen und Wien auf längere Sicht zum Schauplatz jener Zitate Thiels geworden, die dieser so ziemlich erstmals in der Manege einer kritischen Öffentlichkeit geäußert hätte. Auf alle hilflosen Warum-Fragen hätte der Mega-Unternehmer gewiss schöne Antworten parat gehabt und dabei ganz freundlich und wohlwollend gewirkt.
Diesen Preis also wären die Festwochen bereit gewesen zu zahlen. Weil es, so Rau, notwendig sei, sich mit den rechten Ideologien und ihren Protagonisten an einen Tisch zu setzen. Warum? Um sie im intellektuellen Kräftemessen argumentativ in die Enge zu treiben? Das hat schon bei Jörg Haider nicht funktioniert. Um zu verhindern, dass sie unkontrolliert ein Paralleluniversum errichten? Das geschieht seit jeher ohnehin.
📌 Kaynak
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