Michel Kekulé: Rau im Spiegel

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Michel Kekulé: Rau im Spiegel

Viele Ost-Biografien sind nicht von Aufstieg geprägt, sondern von Umbrüchen und Abwanderung. Der Fotograf Michel Kekulé setzt sie eindrücklich ins Bild.

Der Fotograf Michel Kekulé porträtiert in seinem Projekt "Mutterland" die Umbruchserfahrungen im Osten nach 1989, ohne steile Thesen, sondern mit individuellen Bildern. Seine Mutter Heike, einst in der DDR Industriekauffrau, kämpfte sich durch die Transformationszeit, geprägt von Arbeitslosigkeit und persönlichen Brüchen. Beide reflektieren über ihre Identität und Zugehörigkeit, gezeichnet von Pendelbewegungen zwischen Ost und West. Kekulé zeigt in seinen Bildern die Komplexität der Transformationserfahrungen und die Folgen für die Menschen, die in strukturschwachen Regionen oft im Abwarten verharren. Trotzdem bleibt die Frage: Wohin führt der Weg, wenn die Vergangenheit noch immer präsent ist und die Zukunft ungewiss?

Als stummer Zeuge erzählt schon der Briefkasten von Heike Kekulé einen Teil ihrer Geschichte. Die meisten anderen Klappen daran wurden von der Wohnungsbaugenossenschaft Bad Salzungen längst abgeklebt, auch Kekulé, 55, wird den Plattenbau bald verlassen müssen. Ihr Sohn Michel ist schon seit vielen Jahren weg, er lebt in Berlin, aber er hat sich seiner Mutter und dem Ort, der für beide nie so richtig Heimat wurde, zuletzt wieder angenähert, in seiner Abschlussarbeit an der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie.

Mutterland heißt das fragmentarische Projekt von Michel Kekulé, 35. Er hat dafür keine steile These aufgestellt, vielmehr dokumentiert er in seinen Bildern individuelle Ausprägungen einer kollektiven Erfahrung, die sich bis heute unendlich schwer in Worte fassen lässt, obwohl sie den Osten sehr grundsätzlich betrifft, seine Biografien und Regionen, letztlich auch seine bis heute andauernde Suche nach Glück. Denn es geht Kekulé um all die Umbruchserfahrungen nach 1989, um Deindustrialisierung und Abwanderung, Frakturen und Fehlentwicklungen. Es geht ihm um die Frage, welche Verwüstungen das, was rhetorisch oft nur trocken als Transformationszeit abgehakt wird, in Familien hinterlassen hat – und wie sich die gewaltigen Strukturbrüche bis heute fortschreiben in den Leben von Menschen, die sonst in großer Verlässlichkeit unsichtbar bleiben, in politischen Diskursen genauso wie in journalistischen Betrachtungen.

📌 Kaynak

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